Genossenschaften – innovativ und nachhaltig

Genossenschaften – innovativ und nachhaltig

Genossenschaften sind nicht die Universallösung für alle Probleme, haben aber nach wie vor großes Potenzial. Darüber hinaus gehen sie in einer schnelllebigen Zeit mit Nachhaltigkeit einher. Ein Gastkommentar von Prof. Dr. Theresia Theurl, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Westfälischen Wilhelms- Universität Münster.

Erfolgreiches Geschäftsmodell

Genossenschaften haben eine lange und erfolgreiche Tradition. Es fällt auf, dass sie manchmal unter- und manchmal überschätzt werden. Überschätzt werden sie dann, wenn in Zeiten großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen Genossenschaften als die umfassenden Löser für Probleme entdeckt werden, die sie nicht selbst verursacht haben. Grob unterschätzt werden sie, wenn davon ausgegangen wird, dass sie nicht mehr in unsere Zeit passen. Damit wird vernachlässigt, dass sie gerade in Zeiten großer Veränderungen, wie derzeit, innovative Lösungen ermöglichen.

Am sinnvollsten ist es, die Besonderheiten von Genossenschaften unvoreingenommen zur Kenntnis zu nehmen. Dann lässt sich auch klar herausarbeiten, welches ihre Stärken und wofür sie nicht geeignet sind. Genossenschaften sind Organisationen der Selbsthilfe und Eigen­initiative. Es wird also nicht nach dem Staat und den Investoren gerufen, sondern Menschen oder Unternehmen packen selbst an und verwirklichen ihre Ideen – und zwar im eigenen Interesse. Das Geschäftsmodell ist ihre Zusammenarbeit in der Genossenschaft. So können Ergebnisse entstehen, die sonst nicht möglich wären.

Gemeinschaftliche Leistungen

Im Kern der Genossenschaft stehen die Mitglieder. Sie sind gleichzeitig jene, denen zusammen die Genossenschaft gehört, sie treffen die strategischen Entscheidungen und kontrollieren das Geschehen. Sie sind es, die die Leistungen der Genossenschaft nachfragen und die diese Leistungen organisieren. Es ist gesetzlich festgeschrieben, dass die Genossenschaft ausschließlich für ihre Mitglieder Werte zu schaffen hat. Dies ist gleichzeitig ihre Besonderheit, die sie von allen anderen Rechtsformen abgrenzt. Die Werte, die die Mitglieder ohne ihre Genossenschaft nicht erzielen könnten, entstehen durch die gemeinsam organisierten Leistungen, aber auch durch die Mitwirkungs-, Entscheidungs- und Kontrollrechte und eventuell eine Ausschüttung der Verzinsung der Geschäftsanteile.

Auf Nachhaltigkeit ausgerichtet

Dazu kommt aber noch etwas: Genossenschaften ist vorgegeben, mit welchen Geschäften sie Gewinne machen dürfen und wie diese zu verwenden sind. Ein großer Teil des gemeinsam Erwirtschafteten muss in der Genossenschaft bleiben, damit investiert werden kann und auch in der Zukunft noch Werte für die Mitglieder geschaffen werden können. Genossenschaften sind also zum langfristig orientierten Wirtschaften geradezu gezwungen, sie sind von vorneherein auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Der Weg zur Finanzmarktfinanzierung ist ihnen verschlossen. Die Mittel, um die Genossenschaft weiterzuentwickeln, müssen von den Mitgliedern oder dem gemeinsam Erwirtschafteten kommen.

Positive wirtschaftliche und gesellschaftliche Effekte

Genossenschaften sind ausschließlich ihren Mitgliedern verpflichtet. Doch mit diesem Modell des Wirtschaftens sind gleichzeitig positive gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Wirkungen verbunden, gleichsam als willkommene Nebeneffekte. Wirtschaftlich erfolgreiche Genossenschaften schaffen Wertschöpfung, Arbeits- und Ausbildungsplätze, Steueraufkommen und Teilhabe. Dort, wo sonst wirtschaftliche Aktivitäten fehlen und gesellschaftliche Spannungen entstehen würden, kommt es zu einer Aufwertung von Wirtschafts- und Lebensräumen. Dies war bereits zur Zeit der Genossenschaftspioniere so. Dies gilt auch heute, wenn sich mittelständische Unternehmen zusammentun, um Leistungen gemeinsam zu organisieren, wenn Handwerker, Künstler oder Freiberufler Genossenschaften gründen, um größere Aufträge stemmen und eine wirtschaftliche Existenz aufbauen zu können. Dies gilt, wenn sich Menschen zur Gründung von Genossenschaften entschließen, um ländliche Infrastrukturen erhalten zu können, und dies gilt, wenn Menschen oder Unternehmen Plattformen als Genossenschaften aufbauen, damit es nicht die großen Internetgiganten sind, die über ihre Plattformen Einkommen und Wertschöpfung umverteilen. Gäbe es Genossenschaften nicht schon, würden sie wohl heute erfunden werden.

Theresia Theurl

Theresia Theurl
Foto © Roman Mensing

Zur Person:

Theresia Theurl ist Professorin für Volkswirtschaftslehre und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

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