Mit Vollgas die digitale ­Transformation meistern

Mit Vollgas die digitale ­Transformation meistern

Accenture Österreich-Chef Michael Zettel über erfolgreiche ­Digitalisierung, Hindernisse und warum wir dort stehen, wo wir stehen.

Die digitale Transformation wird gerne mit großen Erfindungen und deren Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft verglichen. Etwa mit der Erfindung des Buchdrucks in der Neuzeit oder mit der Dampfmaschine Mitte des 19. Jahrhunderts. Fakt ist: Die digitale Transformation stellt eine technologische Weiterentwicklung dar, die das bisherige wirtschaftliche, politische, soziale, gesellschaftliche und auch wissenschaftliche Gefüge auf den Kopf zu stellen vermag. Das bringt Chancen und Herausforderungen mit sich, die neue Handlungsspielräume eröffnen und zugleich aber auch strukturelle Veränderungsprozesse notwendig machen.


Für die digitale Transformation bedeutet das nicht nur, Zugang zu neuen Technologien zu haben, sondern an den Möglichkeiten einer modernen Gesellschaft teilzuhaben, denn Arbeitswelt, Freizeit und Wissen werden immer stärker von digitalen Anwendungen bestimmt – E-Mail, Messenger, Browser, Künstliche Intelligenz, Chatbots, Augmented Reality und so weiter und so fort. Dank der Digitalisierung können wir heute weitgehend zeit- und ortsunabhängig arbeiten, studieren, lehren und forschen. Fakt ist auch: Corona bzw. die Covid-19-bedingten Lockdowns haben die Digitalisierung buchstäblich ins Zentrum der Aufmerksamkeit katapultiert. Corona und die damit einhergegangenen Unbillen vor fünf Jahren? Das hätte man mit allerhand Schmerzen und noch viel mehr Schulden vielleicht noch irgendwie hinbekommen. Aber vor zehn oder gar 20 Jahren? Ein Horrorszenario – man wagt es sich kaum vorzustellen …

Interview mit Michael Zettel, Country Managing Director Accenture Österreich

Was aber bedeutet „erfolgreich digitalisiert“? Dazu baten wir Digitalisierungs-Pionier Michael Zettel, Country Managing Director des IT-Dienstleisters und Beraters Accenture in Österreich, zum Interview.


VB: Manch einer hält seinen Betrieb für erfolgreich digitalisiert, wenn er seine E-Mails per Smartphone abruft, ein anderer, wenn KI seine Produktion orchestriert und mindestens zwei seiner Maschinen via 5G miteinander kommunizieren. Wer hat Recht? 

Michael Zettel: Keiner. ‚Erfolgreich digitalisiert‘ bedeutet, dass alle Prozesse – von Vertrieb, über Produktion hin zu Service – weitestgehend automatisiert durchgeführt werden können. Wer ‚erfolgreich digitalisiert‘ ist, verkauft keine einfachen Produkte oder Dienstleistungen, sondern smarte Produkte und digitale Services. Der Großteil der österreichischen Unternehmen ist gerade mitten in der digitalen Transformation – viele auf ganz unterschiedlichen Stufen.
Die Vorreiter sind heute bereits weit fortgeschritten und vorangegangen, viele vor allem mittelständische Unternehmen ziehen aktuell nach. In einer gemeinsamen Studie mit der Industriellenvereinigung haben wir die Stufen der digitalen Transformation beschrieben: Stufe 0 ist ‚digital blind‘. Ein Großteil der Datenspeicherung und der Informationsübermittlung passiert hier noch papierbasiert. Die Stufe 1 steht für ‚digital abbilden‘ – IKT kommt im Bereich der Arbeits- und Hilfsmittel zum Einsatz. Die Stufe 2 heißt ‚digital agieren‘. Diese Betriebe nutzen ihre Daten, verfügen über eine digitale Prozessoptimierung, aber die Entscheidungen liegen noch beim Menschen.
Die Stufe 3, die letzte Stufe, bedeutet ‚digital autonom‘. Es werden datenbasierte Produkte und Dienstleistungen verkauft, sämtliche Prozesse sind automatisiert und datengestützt, Entscheidungen können auch automatisiert getroffen werden. Auf dieser Stufe stehen die digitalen Geschäftsmodelle im Fokus.

Wie würden Sie ‚erfolgreich digitalisiert‘ beschreiben? Und würde diese Beschreibung auf den Standort Österreich zutreffen?

Wie in der vorherigen Frage erläutert, wenn ein Unternehmen die Stufe 3 erreicht hat.
Österreich steht wie alle Staaten am Beginn der digitalen Transformation. Wir haben allerdings die besten Voraussetzungen, zu den digitalen Champions zu werden. Denn es geht jetzt um die Digitalisierung der Industrie. Und in der Industrie sind wir Weltklasse, wenn nicht sogar Weltmeister. Dieses Know-how gilt es in der digitalen Transformation zu nutzen. Wir dürfen uns nur nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen, wir müssen Gas geben. Und zwar jetzt.

Michael Zettel, Country Managing Director Accenture ÖsterreichMichael Zettel, Country Managing Director Accenture Österreich. credit: Michael Inmann

Was fehlt uns? 

Wir haben viel: erfolgreiche Unternehmen, die Hidden Champions, wir haben ein stabiles politisches Umfeld in diesem Land und exzellente Bildungseinrichtungen. Es fehlt uns oft der Mut. Wir brauchen neben dem Know-how und der Expertise auch das richtige Mindset. Und wir benötigen die entsprechenden Skills. Wir müssen an uns glauben und den Zug zum Tor im Auge behalten. Das ist sicherlich unsere Hauptaufgabe, die wir erfüllen müssen.

Ist dieses K&K-Relikt ‚des hamma immer scho so g‘mocht‘ und ‚da könnt‘ ja jeder kommen‘ noch in den Köpfen derer verankert, die über Digitalisierung entscheiden? Oder als Schiffsanalogie – wie kann ich das Speedboot Digitalisierung einer wasserscheuen Landratte schmackhaft machen? 

Leider ja. Diese Mentalität hält sich hartnäckig – auch 200 Jahre nach Metternich im 21. Jahrhundert. Gerade bei Corona hat man wieder gesehen, dass ‚der Österreicher‘ gern auf ‚Altes‘ zurückgreift. Wir hatten eine Stopp-Corona-App, aber in der Kronen Zeitung stand nur allzu oft: Wer ist am Donnerstag um 14.23 Uhr mit dem Regionalzug von Graz nach Wien gefahren. Unser Auftrag ist vielmehr, den Nutzen zu unterstreichen, ihn klar herauszuarbeiten und ihn zu kommunizieren. Mit Transparenz und Aufklärung müssen wir die Angst vor der Technologie nehmen. Die Herausforderung ist, Nutzen aufzuzeigen und damit Vertrauen zu schaffen.

Welches heimische Unternehmen ist denn aus Ihrer Expertensicht mit dem Thema Digitalisierung am geschicktesten umgegangen?

Es gibt einige der Top-Unternehmen, die gute, mutige und erfolgreiche Wege gewählt haben. Wir haben doch einige Beispiele – die Donau Versicherung, die RHI oder die OMV, um nur einige wenige zu nennen –, die mit ihrer Digitalisierungsreise aufgezeigt haben.

Mein Betrieb läuft gut, die Geschäftszahlen passen – warum dennoch in Digitalisierung investieren? Und wie gehe ich diese am besten an?

Das ist ganz einfach: Weil jede Investition nachweislich zu mehr Umsatzwachstum und Produktivitätsgewinn führt. Wenn ich nicht nur heute, sondern auch morgen erfolgreich sein möchte, dann muss ich in neue Technologien investieren. Es zahlt sich aus. Und zwar für jedes Business. Wir haben vor mittlerweile sieben Jahren in unser Tech-Vision, die immer die Trends der nächsten fünf Jahre aufzeigt, gesagt: Jedes Business wird ein digitales Business. Heute ist das so. Da gibt es nur mehr wenige Zweifler. Auch der Handwerker und der Frisör können einen signifikanten Unterschied mit dem richtigen Einsatz von Technologie erreichen.
Die digitale Transformation erfolgt aber in unterschiedlichen Phasen. Ein Unternehmen muss klug und Schritt für Schritt digitalisiert werden. Als Erstes gilt es, den Kern des Unternehmens zu digitalisieren. Das Unternehmen, die Organisation braucht ein digitales Herz. Dann muss die Peripherie, also etwa die Kundenschnittstelle, digitalisiert werden. Dies ist ein erfolgreicher Weg.

Corona brachte angeblich einen Digitalisierungsschub. Stimmt das? Beziehungsweise ist ‚Digitalisierungsschub‘ der richtige Begriff dafür, dass zum Beispiel Schule online stattgefunden hat, Schüler ihre Hausaufgaben per WhatsApp erhielten und, übertrieben formuliert, fast jedem Haushalt in Österreich mit mindestens drei Erwerbstätigen oder Schulpflichtigen mindestens ein PC/Laptop fehlte? Denn ich habe ein bisschen den Eindruck, dass das nicht die Digitalisierung ist, die uns in Zukunft Wirtschaftswachstum generieren soll.

Corona war einerseits die digitale Reifeprüfung und andererseits haben wir gesehen, was geht und was nicht geht. Es wurde vor allem die Kommunikation digitalisiert. Aber Bildschirm und Tastatur haben ihre Grenzen.

Kritiker halten Cyberkriminalität und unzureichenden Datenschutz als Achillesfersen der Digitalisierung. Ist das übertrieben? Oder steckt doch ein Körnchen Wahrheit drin?

Cyberkriminalität ist definitiv eine Herausforderung – wie jede Kriminalität. In puncto Datenschutz macht sich Europa selbst das Leben schwer. Das ‚Totschlagargument‘ ist der sogenannte Konsumentenschutz.
Ja, Datenschutz ist ein Asset in Europa, aber es ist auch eine selbst errichtete Hürde. Die USA und China nutzen hier klar ihre Vorteile. Das schadet unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft.

In Ihrem Buch ‚Das digitale Wirtschaftswunder‘ widmen Sie ja ein ganzes Kapitel dem Datenschutz. Warum ist das Verhältnis des gemeinen Österreichers zum Datenschutz so gestört? Denn auf der einen Seite werden die seltsamsten Bedingungen mit ‚ok‘ versehen, unzählige persönliche Daten und/oder Bilder absichtlich ins Netz gestellt. Auf der anderen Seite werden vernünftige digitale Errungenschaften, wie die elektronische Gesundheitsakte oder die Corona-App, mit oftmals wirklich idiotischen Argumenten ‚abgeschossen‘. Wenn Sie mir die Frage mit Lokalkolorit erlauben – sind wir wirklich so deppert? Kann doch nicht sein … Wo hapert‘s da? An der Bildung allgemein? Wir sind wirklich deppert. An der Kommunikation der Sache? Wir sind zwar nicht deppert, aber es wurde uns ungeschickt ‚verkauft‘?

In Österreich gibt es eine starke Technologieskepsis, manchmal sogar eine Technologiefeindlichkeit. Diese haben wir in der Corona-krise klar vor Augen geführt bekommen. Corona war auch hier ein Katalysator.
Aufklärung betreiben und Vertrauen schaffen, sind für mich die Schlüsselantworten darauf. Wir müssen über Technologie aufklären, über den Nutzen, wir müssen damit eine Transparenz schaffen und diese Transparenz ist die Basis für Vertrauen. Ich denke und ich hoffe, dass wir so die Österreicher erfolgreich Richtung Technologie führen können.

Als Abschlussfrage, Herr Zettel: Eine Digitalisierungsfee erscheint Ihnen – was wünschen Sie sich?

Ein anderes Mindset, Offenheit, Mut und die Akzeptanz von Wandel und Fortschritt. Zudem braucht es den politischen Willen, das alles voranzutreiben. Der Staat muss eine Vorreiterrolle einnehmen, Investments in der Höhe von zehn Milliarden Euro in die digitale Transformation des Landes tätigen. Diese Wünsche dürfte die Digitalisierungsfee erfüllen.

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