Der Mensch als Datenmenge

Der Mensch als Datenmenge

Durch die digitale Vernetzung wird jedes Tun registriert und gespeichert – und so unser Datenschatten nach und nach größer.

Jeder Anruf, jeder Mausklick, jede Abwicklung mit Chipkarte, jede Aufzeichnung öffentlicher Kameras erzeugt eine riesige Datenmenge. Wir produzieren mit dem Einsatz digitaler Technik einen riesigen Datenberg, der täglich wächst. Ohne es meist bewusst wahrzunehmen, erzeugen wir einen digitalen Schatten. Die digitale Transformation macht den Menschen gläsern. Informationen, die im Kalten Krieg heimlich Spione besorgten, geben die Leute heute – teilweise unbewusst – freiwillig über ihre technischen Geräte her, die sie im Alltag begleiten. Aus den Daten können viele Erkenntnisse und daraus wiederum verschiedenste Anwendungen gewonnen werden. 

Datenmenge als Gold der Zukunft

Daten sind der Rohstoff der Digitalisierung, denn jedes Unternehmen profitiert von den Daten seiner Kunden. Daraus lässt sich das Kundenverhalten ablesen und so lassen sich Schritte setzen, um die Wünsche der Zielgruppen zielsicherer anzusprechen und Gewinn zu erzielen. Daten sind eines der wichtigsten Kapitale eines Unternehmens, weil sie befähigen, Erkenntnisse daraus gezielt für das eigene Geschäft zu nutzen. Zum „Datengold“ werden die gesammelten Daten erst, wenn man sie einsetzt – etwa zur Erstellung neuer digitaler Produkte und Services. Dann trägt das Datenkapital zur Wettbewerbsdifferenzierung und zum branchenübergreifenden Erfolgsfaktor bei. Große Einzelhandelsketten haben diesen Trend sehr früh erkannt. Sie vernetzen sich untereinander und sammeln zum Beispiel mit Aktionschipkarten Kundendaten im großen Stil. Aus dem Einkaufverhalten geht u.a. hervor, welche Werbemaßnahmen funktionieren und welche nicht. Synergien werden gebündelt. Sie verwenden für ihre Datenanalysen einen regelrechten „Datensee“, in der Fachsprache Data Lake genannt. Daraus können Unternehmen unterschiedlichste Daten zentral analysieren.

Bank bietet Multibank-Lösungen

Aus den Daten lassen sich auch jede Menge neue Bank- und Kreditprodukte gestalten. FinTechs geben den Anwendern zum Beispiel die Möglichkeit, online Sparpläne zu erstellen. Banking verschmilzt immer stärker mit dem Kundenalltag – das sogenannte „Lifestyle-Banking“. Es bringt innovative nutzenstiftende Produkte hervor: Beispielsweise lassen sich Rabatte bequem und einfach an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen.

Smartes Leben dank kluger Datenauswertung

Das Smartphone ist nur der Anfang. Immer mehr sogenannte Wearables wie Fitnesstracker gehören zum Alltag technikaffiner Personen. Die unterschiedlichsten Gegenstände unseres Lebens werden untereinander vernetzt. Internet of Things lässt zum Beispiel den Kühlschrank anhand unseres Konsumverhaltens mit Kaufhäusern kommunizieren. Ein unendlicher Kreislauf setzt sich in Gang. Der Mensch als Datensatz liefert mit seinen aktuellen Verhaltensdaten die Basis für optimiertes Verhalten. Daraus werden Anwendungen erzeugt, die dazu beitragen, dass gewünschtes Verhalten optimiert und unerwünschtes Verhalten reduziert wird. In Smart Cities – also digitalisierten Datenstädten – scheint es werden den Menschen die Wünsche, Erwartungen und Bedürfnisse von den Lippen abgelesen, aber der Preis dafür ist hoch – denn es drohen Überwachung und soziale Spaltung. In China sind soziale Kreditpunktesysteme bereits Realität und unterteilen die Menschen in wertvoll und weniger wertvoll. 

Bezahlung nach Leistung

Auch für die Versicherungsbranche ergeben sich durch den „gläsernen“ Menschen völlig neue Modelle. Zum Beispiel verraten die Daten, ob ein Mensch gesund lebt, oder ob man sich gehen lässt. Wie beim sozialen Kreditkartensystem lassen sich nach einem Art „Bonus/Malus“-System individuelle Versicherungskonzepte erstellen. Raucher und Übergewichtige müssen mehr Krankenversicherung bezahlen als sportlich Aktive, die sich gesund ernähren. Personen, die aufgrund ihres Daten-Fußabdrucks in bestimmte Risikogruppen fallen, erhalten andere Versicherungspakete als jene, die präventiv gegen chronische Krankheiten vorgehen. Die Versicherungsprämien werden „gerechter“. 

Bessere medizinische Möglichkeiten

Bleiben wir beim Thema Gesundheit. In der digitalen Medizin nutzt man die Daten der Patienten , um daraus die Künstliche Intelligenz zu füttern. Die Medizinische Universität Wien forscht intensiv am Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen. Ein Schwerpunkt liegt auf der translationalen Medizin, die sich zum Ziel setzt, wissenschaftliche Erkenntnisse so schnell wie möglich in die Praxis zu bringen. Einerseits können die gewonnenen Datenmengen präventiv helfen – etwa in Form von Frühwarnsystemen bis hin zu neuen Entwicklungen in der Präzisionsmedizin, wie etwa dem Roboter im OP-Saal. Technik zittert und ermüdet auch nach stundenlangem Einsatz nicht, ist 24 Stunden einsatzbereit und leistet besonders in der Präzisionsmedizin unbezahlbare Dienste. 

Auf die Schnittstellen kommt es an

Big Data sammelt zwar eine immens große Datenmenge über uns Menschen, damit daraus aber auch erfolgreiche Anwendungen entstehen können, bedarf es Schnittstellen. Aus Datenschutzgründen ist nicht immer leicht umzusetzen, dass auch jene Verknüpfungen stattfinden, die am meisten Sinn machen würden. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, was möglich wäre, denn erstmals kam es in Österreich zur Identifikation von Corona-Risikogruppen zu einer Datenanwendung, bei der man verschiedenste Arzneimitteldaten und Patientendaten miteinander vernetzte und daraus ein Anschreiben für Corona-Risikogruppen generierte. Es gäbe viele weitere Daten-Kombinationsmöglichkeiten, aus denen sich in verschiedensten Fällen das Auftreten gefährlicher Wechselwirkungen und vieles anderes ablesen ließe.

Bewusster Umgang mit der neuen Situation

In Zukunft wird es immer schwieriger, keine digitalen Spuren zu hinterlassen. Davor Angst zu haben macht aber wenig Sinn. Viel eher sollte man sich bewusst werden, dass wir Menschen mit unserer Datenmenge unser zukünftiges Leben beeinflussen. Umso wichtig es ist, Datenhoheit über seine eigenen Daten – als auch als Unternehmer über die Daten seiner Kunden – zu besitzen und sich genau anzusehen, mit wem man kooperiert und mit wem man Daten austauscht.

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