Shitstorms, Mobbing und Hetze: Warum im World Wide Web die Hemmungen fallen

Shitstorms, Mobbing und Hetze: Warum im World Wide Web die Hemmungen fallen

Der Verfall der Sitten wird beklagt, seit sich Sitten und Umgangsformen unter den Menschen überhaupt erst etabliert haben, also quasi seit einer Ewigkeit. Insofern ist es nichts Neues, wenn man sich über Internet-Phänomene wie Shitstorms, Hatespeech und -postings, Mobbing und Hetze entrüstet. Einerseits tut man das natürlich mit Recht: Wie können sich Menschen so unfassbar respektlos gegenüber ihren Mitmenschen verhalten – die sie oftmals nicht einmal kennen –, wie das im Internet geschieht? Andererseits hat es aber auch sehr viel mit den neuen Kommunikationsmedien zu tun, die aufgrund ihrer Funktionsweise zu einer gewissen Zügellosigkeit geradezu einladen.

Eine natürliche Hemmschwelle

Wenn man im Prä-Internet-Zeitalter – anders gesagt, in grauer Vorzeit – eine Meinungsverschiedenheit mit jemandem hatte, hat man es sich meist gut überlegt, ob man ihn jetzt beleidigt oder nicht. Wenn er von der schieren körperlichen Präsenz her stärker war, bestand die Möglichkeit, dass man sich eine Ohrfeige „einfing“. Zudem war immer mit einer Anzeige zu rechnen. Zuletzt bestand und besteht zwischen Menschen, die sich physisch gegenüberstehen, eine natürliche Hemmschwelle, in den höchstpersönlichen Bereich des jeweils anderen vorzudringen. Die Menschen bleiben in der Regel auf Abstand, und das ist gut so. Anders ausgedrückt: Sie respektieren einander.

Das Internet lässt alle Schranken fallen

Das Internet hat diese Distanz aufgehoben: Der respektlose Nutzer hat keine reale Person vor sich, mit der er interagiert, sondern eine virtuelle. Und auch er selbst verbirgt sich womöglich hinter einem Pseudonym, was die letzten Schranken fallen lässt: Er kann seinen Frust, seinen Hass, seine Übergriffigkeit und Missachtung der Privatsphäre des anderen „rauslassen“, ohne dass es unmittelbare Konsequenzen hätte – wie das in der wirklichen Welt der Fall wäre. (Zu den rechtlichen Aspekten siehe Interview mit Datenschutzexperten Dr. Ivo Rungg)

Neue Spielregeln im WWW

Nun mag man einwenden, dass Briefeschreiber – und später Versender von Telegrammen, Telex, Fax oder Ähnlichem – ja auch auf einer symbolischen Ebene miteinander kommunizierten. Das ist richtig. Aber das Internet hat völlig neue Spielregeln aufgestellt, es spielt in einer Liga, die es zuvor nicht einmal gab. Der Briefschreiber hat, um das Beispiel weiterzuführen, den Empfänger möglicherweise beschimpft. Aber er hat sich nur an eine Person gewandt. Im Internet jedoch befinden wir uns in einem öffentlichen Raum, in einem potenziell unendlich großen Forum, in dem unsere Stimme wie ein Lautsprecher von einer nahezu unbegrenzten Anzahl anderer Nutzer gehört werden kann.

„Hass-Poster“ fühlen sich anonym

Prof. Dr. Jörg Matthes, Vorstand des Instituts für Publizistik- und Informationswissenschaft an der Universität Wien, sieht zwei Gründe für das Überhandnehmen von Ausfälligkeiten im Netz: „Zum einen fühlt sich der ,Hass-Poster‘ vor seinem Bildschirm anonym, sicher und unbeobachtet. Dadurch, dass der Adressat ihm nicht gegenübersteht, fallen Hemmungen und Empathie weg. Der ,Hass-Poster‘ denkt nicht an die unmittelbare Konsequenz seines Postings und unterschätzt auch die Reichweite, die er damit hat.“

Warum im World Wide Web die Hemmungen fallen

Zum anderen, so Prof. Matthes, habe sich im Netz eine „Kultur des Schimpfens“ entwickelt, die wie eine Negativspirale funktioniere: „Es gibt Studien, die zeigen, wie die individuelle Hemmschwelle sinkt, wenn vom eigenen Umfeld derartige Impulse ausgehen.“ Zudem sind die Themen, um die es geht zumeist hochemotional: Man macht seinen Emotionen Luft, ohne nüchtern nachzudenken, und die neuen Kommunikationskanäle laden geradezu dazu ein, es spontan zu tun.

Wenn uns die Nachricht oder das Verhalten von irgendjemandem nicht gefällt, haben wir die technische Möglichkeit, ihn in Realzeit, hier und jetzt, zu beschimpfen. Andere springen womöglich auf den Zug auf, und schon ist der schönste Shitstorm losgebrochen. Prof. Matthes: „Hass ist Teil der Geschichte des Menschen. Neu ist die Reichweite des Hasses durch die Verbreitungsformen im Internet. Und damit auch die ,Ansteckungsgefahr‘: Der Hass der anderen gibt dem eigenen Nahrung, und die Spirale dreht sich weiter. Aber es ist nur eine kleine Minderheit, die die Kommunikation vergiftet und verzerrt – die aber sehr laut ist. Dadurch entsteht der Eindruck, dass es so übermäßig viele sind.“

Es ist nur eine kleine Minderheit, die die Kommunikation vergiftet und verzerrt – die aber sehr laut ist. Dadurch entsteht der Eindruck, dass es so übermäßig viele sind.

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